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Interview zur Akte: Ferkelbuch

5. Februar 2008

Der HPD-Online veröffentlichte heute ein Interview mit dem Vorsitzenden des Humanistischen Verband Deutschlands, Horst Groschopp. Das Interview wurde von Judith Huber geführt.

Thema war die Diskussion um den Indizierungsantrag des Kinderbuches “Wo bitte gehts zu Gott”, welches auch hier vor einigen Tagen Thema war.

Das Interview ist beim HPD in ganzer Länge zu lesen. Ich möchte hier jedoch auf einige Aussagen von Herrn Groschopp eingehen.

hpd: Wie stehen Sie selbst zum „Ferkelbuch“?

Horst Groschopp: Bei so etwas geht es immer auch um persönliche Geschmacksfragen. Ich halte das Buch eher für eines, über das mit Erwachsenen zu diskutieren ist, wie man Kindern sich in diesen Fragen nähert. Mir als Gottlosem geht die Penetranz auf die Nerven, mit der anderen Gott ausgetrieben werden soll.

Ich bin persönlich etwas enttäuscht darüber, dass hier auf einen Wortschatz zurückgegriffen wird, der zum Einen eindeutig besetzt ist, zum Anderen dem Buch nicht gerecht wird. Man kann hier wohl kaum von einer Austreibung reden. Sowohl im wörtlichen wie auch übertragenden Sinne ist ein Exorzismus eine absolut unpassende Bezeichnung. Sowas hätte ich eher aus einer anderen Richtung erwartet.

[..]Die Juden sind für die Sintflut zuständig, die auch auf Gottes Befehl die Meerschweinchen massakrierte, die Christen pflegen das Blutopfer und die Moslems haben einen Sauberkeitsfimmel, das geht ja noch. Sicher ist das Buch ein Beitrag zum „neuen Atheismus“. Es ist mir aber unklar, welche Altersgruppe eigentlich angesprochen werden soll.

Darüber kann man in der Tat streiten, jedoch braucht man sich nur anzusehen, welche Altersgruppen mit den kritisierten Geschichten der verschiedenen Glaubensrichtungen konfrontiert werden. Wer hier fordert, dass man sowas (Ferkelbuch und religiöse Texte) nur noch Erwachsenen zumuten darf, der wird vermutlich sogar bei den Autoren des Ferkelbuches auf offenen Ohren stoßen. Auf diese Schiene traut sich komischerweise niemand. Konsequent wäre es allemal.

hpd: Es gibt die Meinung, antisemitische Stereotype würden nur auf diejenigen wirken, die sie noch im Kopf hätten.

Horst Groschopp: Michael Schmidt-Salomon sieht das unglücklicherweise auch so und schreibt in seinem darauf bezogenen Kommentar:
„Übrigens ist das Ganze ein reines Erwachsenenproblem: Heutige Kinder haben diese alten Stereotype nicht mehr im Kopf, Mensch sei Dank!“ Damit werden viele Fragen umgangen. Zu denen zähle ich, aus Gründen der Geschichtskultur und der Toleranzbildung ist das unbedingt zu beachten, dass es solche Stereotype unabhängig von denen gibt, die sie nicht zu benutzen meinen.

Selbst wenn es sie gibt, ist das doch kein Grund, auf jegliche Kritik zu verzichten. Und Kritik ist nunmal nicht immer bequem. Darüber hinaus ist ja durchaus fraglich, ob in diesem Buch diese Klischees tatsächlich bedient werden oder ob das tatsächlich nur aus der selektiven Wahrnehmung zu erklären ist, die sich viele Menschen in Deutschland angewöhnt haben. Sei es aus psychologischen oder politischen Gründen. (mehr dazu s.u.)

Stereotype werden öffentlich bedient (auch völlig unbeabsichtigt). Sie sind eingebunden in Mechanismen, in denen das „kulturelle Gedächtnis“ und Erinnerungszeichen funktionieren, die auch auf die Sozialisation von Kindern einwirken. Man kann hier als Erwachsener, als Pädagoge schon gar nicht, die Augen zumachen oder einfach mal so neu anfangen oder naiv sagen, meine physiognomischen Hervorhebungen sollen den Rabbi zwar als solchen kenntlich machen, aber ein Stereotyp bediene ich nicht, weil ich lauteren Charakters bin.

OK. Kann man so sehen. Die Folge müsste aber sein, dass jegliche Literatur (auch die gängige und beliebte Kinderliteratur) kritisch nach solchen “Bildern” untersucht und anschliessend mit dem großen Rotstift zensiert werden muss.

hpd: Kommen wir zurück auf den Indizierungsantrag. Was halten Sie von der Unabhängigkeit der Bundesprüfstelle?

Horst Groschopp: Die Bundesprüfstelle setzt sich dem Verdacht aus, einseitig zu urteilen. Ich hege Zweifel an deren tatsächlicher Unabhängigkeit, wenn – wie in diesem Fall – religiös-weltanschauliche Pluralität gefordert ist. Wir im HVD sehen deshalb eine politische Forderung darin, im 12er-Gremium den bzw. die Beisitzer für „Kirchen, jüdische Kultusgemeinden und andere Religionsgemeinschaften, die Körperschaften des öffentlichen Rechts sind“, künftig durch eine Person zu ergänzen, die dem organisierten Humanismus nahe steht. Landesverbände des HVD haben in mehreren Bundesländern ebenfalls den Status einer KdÖR.
Im konkreten Fall würde die Bestellung eines Sachverständigen aus dem humanistischen Spektrum durchaus nützlich sein.

Das wäre eine, durchaus begrüßenswerte Maßnahme. Eine andere wäre die komplette Abschaffung dieser Einrichtung, die in der Vergangenheit größtenteils damit auffiel, Medien, die den zeitlich gültigen Moralvorstellungen eines Teils der deutschen Bevölkerung bzw. meinungsmachenden Einrichtungen (z.B. die großen Kirchen) missfielen durch Indizierung, oft auch mit Verbot und Beschlagnahmung, zu zensieren. Diese Art der Zensur hatte dann den Deckmantel des Jugendschutzes.

Dem möglcihen Einwand, dass es Dinge wie Holocaustleugnung, Gewaltverherrlichung, usw. gibt, kann man mit unserem Strafgesetzbuch, dass deutlich über den Jugendschutz hinaus geht, begegnen. (zu diesem Thema möchte ich mich zukünftig noch umfassender äußern*)

hpd: Die öffentliche Reaktion von Atheisten und Humanisten auf den Indizierungsantrag ist enorm. Sie findet wesentlich als Streit für Meinungsfreiheit statt. Wie sehen sie das?

Horst Groschopp: Die Bundesprüfstelle verbietet keine Bücher, sie indiziert „Jugendgefährdung“, stellt also fest, ob dieses oder jene Medium für Kinder und Jugendliche geeignet ist und öffentlich verkauft werden darf oder nur als „Bückware“, wie jeder Porno auch, vertrieben werden muss.

Wie ich bereits schrieb, ist das bestenfalls eine Verharmlosung. Die Sache mit der “Bückware” mag für einige Dinge zutreffen. Durch die Indizierung ist aber ein kostendeckender Absatz oder gar kommerzieller Erfolg vieler Medien so gut wie unmöglich , was faktisch einem Verbot nahekommt. Für ein Kinderbuch, dass erst ab 18 Jahren offiziell erhältlich ist und nicht beworben werden darf erst Recht. Auf Dinge wie Beschlagnahmung will ich an dieser Stelle nicht eingehen.

Die Frage an den HVD ist diejenige, ob er meint, das „Ferkelbuch“ ist für Kinder geeignet. Das ist für mich eine ethische und pädagogische Frage, keine zuerst der allgemeinen Meinungsfreiheit.

Aus dieser Frage folgt aber (leider) unmittelbar, ob ein Verbot, euphemistisch als Indizierung bezeichnet, ausgesprochen wird. Somit ist das von entscheidender Bedeutung. Die Frage nach der Eignung wird sicherlich durch die verschiedenen Interessengruppen höchst unterschiedlich beantwortet werden und darf meiner bescheidenen Meinung nach aber nicht als Grundlage für eine Indizierung dienen. Mit diesem Argument kann man jedem heranwachsenden Bürger den Zugriff auf unbequeme Literatur verwehren.

* In Planung ist eine Serie über Zensur, Jugendschutz und Kritik an dieser Praxis in Deutschland

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