
Babies töten!
12. Februar 2008[Mit freundlicher Unterstützung von JLT.]
Die Stammzellenforschung ist ein gesellschaftlich umstrittenes Thema. Für den interessierten Laien ist es äußerst schwierig, eine verlässliche und brauchbare Zusammenfassung der Debatte zu finden. Vielleicht kann dieser Beitrag das ändern.
Ich brauche wohl keinen Hehl daraus zu machen, dass meine Meinung als angehender Naturwissenschaftler ganz klar pro-Forschung ist.
In Deutschland gilt das Stammzell- und das Embryonenschutzgesetz.
Die derzeitige Rechtslage führt dazu, dass Wissenschaftler Stammzellen nur dann nutzen oder nach Deutschland einführen dürfen, wenn sie vor dem 01. Januar 2002 erzeugt wurden. Das führt seitens der Wissenschaft sehr häufig zu der Forderung, die Gesetzeslage anzupassen und die derzeitigen Regelungen komplett abzuschaffen.
Seit vielen Jahren gibt es bezüglich dieser Thematik eine Diskussion, die stark von Emotionalität und leider oft auch von Unwissenheit geprägt ist. Die konnte man zuletzt bei den Reaktionen auf die unerwartet realistischen Vorschläge von Bundesforschungsministerin Anette Schavan erleben. Die katholische Theologin nimmt offensichtlich die Befürchtungen und Forderungen der Wissenschaft ernst, die seit Jahren immer wieder laut werden.
Diese Einstellung entspricht jedoch nicht den Ansichten einiger Gruppierungen, wie den beiden Großkirchen sowie Interessensverbänden wie dem „Bundesverband Lebensrecht„. Dazu später mehr.
Wo liegt eigentlich das Problem?
Die Forschung an embryonalen Stammzellen (im weiteren ESZ genannt) ist in vielen Bereichen der medizinischen Grundlagenforschung ein unabdingbares Werkzeug, um die Grundfunktionen von Zellen zu verstehen und die biomedizinische Anwendung z.B. im Bereich der Krebstherapie entwickeln zu können.
Durch die Stichtagsregelung ist in Deutschland das Zellmaterial begrenzt und aufgrund der damaligen Zellkultivierung mit Mäusezellen verunreinigt. Das grenzt die Möglichkeiten enorm ein. Ebenfalls ist zu bedenken, dass sich Zellen, die bereits mehrere Jahre gelagert wurden, durch die lange Zeit verändern und dadurch oft unbrauchbar werden.
Stammzellen aus der Haut: Eine Alternative?
Vor kurzem haben Forschergruppen aus Japan und den USA ein Verfahren entdeckt, mit dem Stammzellen aus normalen Hautzellen hergestellt werden können. Damit ist für manchen Meinungsführer die Notwendigkeit der Forschung mit ESZ widerlegt.
Hierzu sind zwei grundlegende „aber“ zu nennen:
- Diese Erkenntnis wurde ausschliesslich durch die Forschung an den üblichen ESZ entdeckt. Diese Tatsache wird auch durch den bekannten Fachmann Anthony Ho betont.
- Die neue Erkenntnis wird die Forschung bereichern und ergänzen, sie jedoch auf absehbare Zeit nicht ersetzen können. Die Forschung in diesem Bereich steckt noch in den Kinderschuhen. Daher ist nach wie vor die Verfügbarkeit von neuen Stammzellen notwendig. Es wäre in der Tat sensationell, gelänge den Forschern das künstliche Erzeugen von Stammzellen aus patienteneigenen (!) Zellen. Eine solche Entdeckung würde die Medizin revolutionieren, erfordert aber eine tiefgreifende Forschung, die in Deutschland zur Zeit ausgeschlossen ist.
Durch das deutsche Verbot der Forschung in diesem Bereich werden den Wissenschaftlern diese vielversprechenden Möglichkeiten genommen und selbst die Kooperation und Absprache mit ausländischen Kollegen unter Strafe gestellt!
Hier ist zu befürchten, dass die deutschen Experten schon bald den Anschluss in der biomedizinischen Forschung verlieren könnten.
Der Mediziner Oliver Brüstle engagiert sich seit mehreren Jahre für eine reformierte Gesetzgebung in Deutschland. Dafür wurde er teilweise massiv attackiert – sein Haus musste für einige Zeit unter Polizeischutz gestellt werden. Mehr dazu hier, hier oder auch hier.
Welche Einwände bestehen?
Hier betreten wir ein weites Feld, dass sehr vielseitig und alles andere als konsequent oder konsistent ist.
Besonders die katholische Kirche ist ein erbitterter Gegner der ESZ-Forschung. Es wird gegen „den Verbrauch“ menschlichen Lebens in Form eines Embryos gekämpft. Manche Gruppierungen möchten „das Töten von Babies“ verbieten und überhaupt wird auch sehr gerne die Nazi-Keule herausgeholt und dieser Bereich der Forschung in die Verbrecher-Ecke gestellt. Leider wird innerhalb dieser Debatte praktisch mit jedem Wort die Sachebene verlassen und mit Polemik sowie dogmatischen Glaubenssätzen jedwede ethische Diskussion unmöglich gemacht. Das wird dieser Thematik nicht gerecht und führt sicherlich auch nicht zu einer brauchbaren Lösung.
Wo kommen diese Zellen überhaupt her?
Um sich ein Urteil zu bilden, ist es unerlässlich, sich über die Hintergründe zu informieren.
Hierzu zitiere ich Anthony Ho aus einem Interview mit „Die Zeit“:
[...]Aber die weltweit etablierten embryonalen Stammzellen, die den strengen Qualitätskriterien der zwei großen Stammzellbanken entsprechen, wurden zu über 90 Prozent aus überzähligen Embryonen gewonnen. Und was sind überzählige Embryonen? Es sind Nebenprodukte der künstlichen Befruchtung, die gesetzlich erlaubt ist. Die Erfolgsquote der künstlichen Befruchtung beträgt aber nur etwa 25 Prozent. Daher werden in der Regel mehr Eizellen befruchtet, als nötig sind, und manchmal werden die Frauen schwanger, obwohl noch befruchtete Eizellen vorhanden sind. Viele Eltern würden solche überzähligen Embryonen für die Forschung spenden. [...]
Leider ist das in deutschland nicht möglich, so Ho weiter:
Deutschland leugnet aber deren Existenz. Das Gesetz verbietet die Herstellung von mehr als drei Embryonen je Zyklus, alle Embryonen müssen eingepflanzt werden. Deshalb werden diese Embryonen entsorgt.[...]
Soviel zum Thema „Verbrauch“ oder „Tötung“ von Embryonen für die Forschung.
Eine reform der Gesetzeslage ist in Deutschland dringend notwendig. Die derzeitige Stichtagregelung wird der Notwendigkeit dieser Forschung nicht gerecht.
Die Meinung der Masse
Leider ist in der Masse der Bevölkerung ebenfalls eine sehr ablehnende Haltung vorzufinden. Das liegt nicht zuletzt an dem mangelnden Wissen um dieses Thema und der Tatsache, dass in den Massenmedien verstärkt die Gegner der ESZ-Forschung zu Wort kommen. Es ist anzunehmen, dass bei einer besseren Informationslage ein Großteil der Menschen eine derartige Forschung eher unterstützen würde.
Wie bereits erwähnt, hat der Bundesverband Lebensrecht 2008 eine telefonische Umfrage (pdf) durchführen lassen, in der die Sichtweise bzgl. der Stammzellforschung erfasst werden sollte. Diese Umfrage fiel deutlich zu Ungunsten der Forschung an ESZ aus. Kein Wunder, betrachtet man die Fragen. Der halbinformierte Laie wird bei teils falschen, sicher aber manipulativen Fragestellungen eher seine Zweifel äußern.
Diese Art der Fragestellung ist symptomatisch für die deutsche Debatte. Science in Society findet hier die passenden Worte:
In diesem Zusammenhang machen auch Telefonumfragen wie diese hier zur Akzeptanz der Stammzellforschung in Deutschland keinen Sinn. Menschen lehnen eben erst einmal ab, was sie nicht verstehen.
Es bleibt zu hoffen, dass die Debatte in Deutschland sachlicher wird und eine akzeptable Lösung gefunden wird.





Thumbs up!
Tobias
Das ging ja schnell…
Schöner Beitrag!
Über die Umfrage-Fragen, die Du verlinkt hast, kann ich mich gleich schon wieder aufregen. Wenn schon geklärt wäre, dass Stammzellen, die aus Hautzellen o. ä. gewonnen werden können, 100 %ig identisch zu embryonalen Stammzellen wären, bräuchte man diese natürlich nicht. Aber um das rauszufinden, *muss* man erstmal (auch parallel) an ESZ forschen. Wenn man die Fragen schon so stellt, als bestünde kein Unterschied, ist ja klar, was die Leute antworten. Und wenn ich das schon höre: „Sollen in Deutschland Embryonen für die Forschung *erzeugt* und zerstört werden?“ Wer will denn das? In anderen Ländern werden dazu überzählige Embryonen aus der künstlichen Befruchtung verwendet, die andernfalls auch vernichtet würden.
Mal ganz abgesehen davon, dass sich viele bei „Embryonen“ gleich ein Mini-Baby vorstellen und gar keine Ahnung haben, dass das zum Zeitpunkt der Entnahme nur eine Zellkugel ist.
Schöne Grüße,
JLT
Genau das war ja mein Punkt. Die derzeitige Diskussion in der Öffentlichkeit ist gekennzeichnet von manipulativen Fragestellungen, Unwahrheiten oder zumindest gezielter Desinformation.
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