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Umfragen: Manipulation und der „rote Knopf“

15. Februar 2008

Oder: Was muss ich dich fragen, damit Du mir die „richtige“ Antwort gibst…

Wie bereits bei der Debatte um die Stammzellforschung berichtet, gibt es einige Umfragen, deren Ergebnis vermutlich nicht unmaßheblich von der Art der Fragestellung abhängt. Ein gutes Beispiel ist die Umfrage des „Bundesverbands Lebensrecht“ im Januar 2008, bei der 1000 Deutsche (>14 Jahre) zu ihrer Meinung zum Thema Embryonale Stammzellfoschrung befragt wurden.

Das Ergebnis dieser Umfrage war relativ eindeutig eine überwiegend ablehnende Haltung gegenüber dieser Art von Forschung.

Sieht man sich die Art der Fragen mal genauer an, ist dieses Ergebnis alles andere als unerwartet:

Grafik 4a: Forschung an Stammzellen, Differenzierung nach Alter
Frage: Zur medizinischen Forschung können sowohl menschliche embryonale Stammzellen verwendet werden als auch adulte Stammzellen, die jedem erwachsenen Menschen entnommen werden können. Heilungs- und Therapieerfolge sind bisher nur mit adulten Stammzellen erzielt worden. Vor kurzem haben Forscher einfache menschliche Hautzellen so umprogrammiert, dass sie sich wie embryonale Stammzellen verhalten. Es gibt aber auch Forscher, die sich Erfolge von der Forschung an embryonalen Stammzellen erhoffen. Um embryonale Stammzellen zur Forschung zu gewinnen, müssen menschliche Embryonen erzeugt und zerstört werden. Was befürworten Sie?

Wäre ich der Durchschnittsbüger und hätte keine weitergehenden Kenntnisse über die Verfahren, Grundlagen, die übliche Herkunft der benötigten embryonalen Stammzellen (ESZ) und wäre den sehr einseitigen täglichen Medienberichten zu dem Thema ausgesetzt, dann wäre meine Antwort ganz klar:

Es sollte nur an adulten Stammzellen, die jedem, auch Erwachsenen entnommen werden können, und an umprogrammierten Zellen geforscht werden, nicht aber an Stammzellen aus Embryonen.

Erwartungsgemäß haben auch in jeder Altersgruppe mehr als 50%, bei den unter 60jährigen sogar mehr als 60%, diese Antwort unterstützt.

Nun habe ich aber dieses besagte Hintergrundwissen und kann mit Überzeugung feststellen, dass die Fragestellung durch Art und Inhalt beim durchschnittlich naturwissenschaftlich gebildeten Bürger die Antwort vorgibt. Es werden für die Bewertung wichtige Sachverhalte unterschlagen, Tatsachen aus dem Zusammenhang falsch dargestellt und durch den letzten Satz der sprichwörtliche „Rote Knopf“* gedrückt. Dazu später mehr.

Fakt ist, dass die bisherigen Heilungserfolge mit adulten Stammzellen nur durch die Grundlagenforschung an ESZ möglich waren. Wie bereits im Artikel „Babies töten“ erklärt, haben die Ergebnisse mit den manipulierten Hautzellen sicherlich nicht die Notwendigkeit weiterer Forschung widerlegt. Im Gegenteil. Dieser Arbeitsbereich steckt noch in den Kinderschuhen.

Den Vogel schiessen die Fragesteller aber mit der Behauptung ab, dass für die Forschung embryonale Stammzellen erzeugt werden müssen. Dieses Aussage ist faktisch falsch und wird leider auch u.a. vom Grünenpolitiker Volker Beck und anderen Gegnern regelmäßig wiederholt. Dadurch wird sie aber nicht richtiger.

Tatsache ist nämlich, dass weltweit 90% aller genutzten ESZ nicht für die Forschung erzeugt wurden, sondern überzählige Zellen aus der künstlichen Befruchtung („in vitro fertilisation„) sind. (Dazu Anthony Ho in „Die Zeit„) Es kommt nämlich sehr häufig vor, dass die Frauen während der Therapie früher als erwartet schwanger werden und die überzähligen ESZ dann nicht mehr eingepflanzt werden müssen. Diese Zellen wären dann potenzielle Kanidaten für die Forschung.**
Interessanterweise werden diese Zellen dann alternativ einfach entsorgt. So viel zu der Scheinheiligkeit, mit der bei der Forschung vom Erzeugen und Töten der Embryonen gesprochen wird.

Darüber hinaus muss man sich bewußt machen, dass es sich bei den genannten Embryonen um einen noch undifferenzierten Zellhaufen handelt, der mit den oftmals beschworenen süßen getöteten Babies nichts zu tun hat.

Diese Art der Fragestellung und die darauf folgenden Antworten ziehen sich nach diesem Muster durch die ganze Umfrage.

Anderes Thema, gleiche Taktik

Aus einem etwas anderen Themenbereich aber nach dem gleichen Muster lief offenbar eine Umfrage in Florida ab. PZ Myers berichtet, dass dort 21% der Befragten für den Kreationismus als einzige Theorie und 29% sowohl Kreationismus als auch Evolution als gleichberechtigt im Schulunterricht sehen wollen.
Das wäre eine extrem erschreckendes Ergebnis, welches auch recht ungewöhnlich sei.

[...]Wesley makes a good point, that one reason is the form of the questions asked, which set up an adversarial relationship between religion and science and lead people to make a choice between the two, increasing the likelihood that people will break to support their church. He argues that „framing works,“ and proposes a different set of questions that, while generally similar, would produce a less one-sided result. [...]

Aha, also soll auch hier die Art der Fragestellung eine entscheidende Rolle bei der Beantwortung gespielt haben. Hinzu kommt die Wirkung des Verhältnisses zur Kirche im täglichen Leben.

I’m looking at the original poll and seeing that I would have no problem answering the questions in a pro-evolution way — there’s nothing to bias*** me in any crazy way, but I don’t have any pro-religion buttons to push. What I see in the results is that many Floridians do have great, big, easily manipulated religious buttons, and that 69% are abysmally ignorant of the science they are dismissing. Those are important True Facts, and in an important sense the St Petersburg Times poll is better than the one Wesley proposes: the answers aren’t reassuring, but they do expose the ugly reality we have to confront. There is no virtue in designing a poll that doesn’t push the religion button, because in the real world these people are getting the religious message every day and every week, and leaving it out only allows us to fool ourselves into thinking that the superstition and ignorance fostered by American religion aren’t the fundamental source of creationist foolishness in this country.

Hier sind wir wieder bei dem „roten Knopf“, wie ich ihn nenne. Die Funktion ist aber die gleiche, wie sie beim „religious Button“ (PZ Myers) zu finden ist. Die Menschen werden Tag für Tag mit diesen Dingen offensichtlich und unterschwellig bombardiert, sodass die Konditionierung zu diesem Ergebnis führt.

* Roter Knopf: Dazu gehören für mich die Argumente, Sätze, Behauptungen, bei denen man einen Großteil der Leute bereits für sich gewonnen hat. Dabei spielt der Inhalt oder die Richtigkeit der Aussage keine Rolle. Grundlage dafür ist u.a. die tägliche mediale Vergewaltigung von manipulativen Sendern (siehe Kerner und R. Dawkins oder den Papst-Hype) sowie das dumme Geschwätz nicht weniger absolut unwissender Politiker. (da gibts natürlich einige wenige Ausnahmen)

** Damit ist selbstverständlich kein Automatismus verknüpft. Hier gäbe es aber die Möglichkeit, die Zellen bewußt der Forschung zur Verfügung zu stellen. Die Menschen, die durch eines der biomedizinischen Verfahren zu ihrem sehnlichst gewünschten Kind gekommen sind, dürften dieser Thematik sicherlich aufgeschlossen gegenüber stehen. Sollte das nicht so sein, dann gibt es ja noch die ethisch sicherlich saubere Lösung *räusper*, die Zellen zu entsorgen. Alternativ hätten wir noch die, in meinen Augen extrem lächerliche Adoptionsmöglichkeit für die Zellen.

*** Bias: Bei Tests mit Probanten und Verhaltensstudien muss der Faktor Bias, also die persönliche Affinität oder Voreingenommenheit einkalkuliert werden.

Ein Kommentar

  1. [...] trifft die durch Lügen und Verleumdung gekennzeichnete Debatte ganz gut. Wie ich bereits hier und hier schrieb, wird von seitens der Bedenkenträger und “Lebensschützer” mit teils [...]



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