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Die Zensur geht weiter…

11. April 2008

Der Hintergrund

Wie Heise online berichtet, war der Gesetzentwurf zur Änderung des Jugendschutzgesetzes bezgl. „gewaltverherrlichender Spiele“ am Donnerstag zur ersten Lesung im Bundestag.

Ziel ist es, den Gewaltbegriff in diesem Zusammenhang zu definieren und dadurch gewisse Spiele automatisch zu indizieren. Bisher war das nur bei „allein gewalt- und kriegsverherrlichenden“ Spielen möglich. Mit dem neuen Gesetzesentwurf soll sich diese BeschränkungScreenshot Americas army jedoch massiv ausweiten. Es steht zu erwarten, dass der Großteil der Egoshooter, aber auch Spiele wie GTA die (wie Kritiker meinen sehr schwammigen) Kriterien erfüllen.

Dass Frau von der Leyen einige sehr „interessante“ Einstellungen dazu hat, wie Moral, Gesetz und Jugend auszusehen und was sie zu lesen hat ist ja bereits bekannt. Die Kampagne zur Bekämpfung unliebsamer Computerspiele, die – und das sind sich offenbar die meisten Unionspolitiker auch ohne wissenschaftliche Grundlage einig – ist nötig, um die Verrohung und Gewaltbereitschaft der Jugend zu mindern. Aus Bayern kamen aus diesem Grund auch Rufe nach einen „Totalverbot von Killerspielen“ (Beckstein).

Es scheint so, als ob diese Kampagne nach und nach erfolgreicher in Richtung Gesetzgebung rückt.

Warum bezeichne ich das als Zensur?

Wie ich auch in Gesprächen mit Freunden und Kommilitonen feststellte, haben sich nur wenige wirklich mal Gedanken darüber gemacht, was das eigentlich bedeutet. Einige waren der Überzeugung, dass es ja schliesslich nötig sei, damit es keine Amokläufe und sowas gäbe und das es ja kein richtiges Verbot sei.Diablo 2 Screenshot

Faktisch ist es jedoch so, dass eine Indizierung in sehr vielen Fällen dazu führt, dass solche Software nicht mehr für den deutschen Markt produziert wird bzw. aufgrund des Werbeverbotes und der umfangreichen Handelshemmnisse praktisch nicht zu bekommen ist.

Wenn die Tendenz dieses zunehmenden Jugendschutzes in dieser Form weitergeht, können wir uns auf ideologische Verbote unliebsamer Medien freuen.

Es ist eigentlich offensichtlich, dass die Regierung durch ihre Indizierungspraxis eine verdeckte Zensur betreibt, die alle Dinge, die nicht in das persönlich Weltbild passen, verbieten will. Dies findet leider meistens sehr unauffällig statt, in wenigen Fällen, wie z.B. dem Ferkelbuch wurde es besonders im Internet aber auch in der Presse öffentlich diskutiert.


Wirkung?

Im Gegenzug ist die tatsächliche Wirkung dieser Maßnahmen umstritten. Praktisch gibt es keinen Nachweis dafür, dass diese Spiele einen entscheidenden Einfluss auf Gewalttaten haben. Vielmehr sind wohl andere Faktoren deutlich wichtiger. Niemand leugnet sicherlich, dass Medien aller Art unsere Gefühle beeinflussen können. Eine einfach Kausalität zwischen Medien und Verbrechen ist allerdings abzulehnen. (weitere Informationen dazu)

„Granufink-Zensur“ und „Rentnerpolitik“

Die Überschrift enthält Bezeichnungen, die ich bei Heise in den Kommentaren gefunden habe. Persönlich bin ich kein Freund dieser Polemik, sie enthält jedoch ein Fünkchen Wahrheit.

Asterix und obelix kampf gegen roemer

Es wird der EIndruck erweckt, als würde eine Politik stattfinden, in der man alles verbietet, das man nicht versteht. Ich würde mal die Vermutung äußern, dass nur ein winziger Bruchteil der Bundes- oder Landtagsabgeordneten selbst Computerspiele spielt oder zumindest mal gespielt hat. Der Großteil dürfte seine Jugend in einer Zeit verbracht haben, wo es sowas gar nicht gab und auch in fortgeschrittenem Alter kaum an Interesse gewonnen haben, diese Spiele zu spielen oder sich ernsthaft damit auseinander zu setzen.

Daher ist es wohl kein Wunder, dass (diese Tatsache sieht man sehr gut am Beispiel Günther Beckstein, CSU) das Geschrei mancher Politiker nach einem Verbot nur durch die groteske Unwissenheit und Uninformiertheit über das Thema übertroffen wird. Besonders deutlich macht das die undifferenzierte Verwendung des Begriffes „Killerspiele“, u.a. leider auch in den großen Medien. (Hinweis: „Mensch ärgere dich nicht“ ist danach nämlich auch eins…)

Unendliche Geschichte

Ich will hier jetzt gar nicht das Rad neu erfinden. Andreas Müller („DerAutor“) hat beim HPD bereits vor einiger Zeit eine vierteilige Serie zum Thema „Killerspiele“ veröffentlicht.

Teil 1: Killerspiele: Was ist das?

Teil 2: Fantasie und Realität

Teil 3: Gefahren und Vorzüge virtueller Gewalt

Teil 4: Eine Frage des Respekts

Hier wird das Thema sehr differenziert aufgearbeitet und stellt für den interessierten Leser eine gute Zusammenfassung dar.

Ich würde mich über Kommentare zu dem Thema freuen.

[via HPD, Heise online, Stigma Videospiele]
[Bildquelle: HPD-online]

4 Kommentare

  1. Natürlich ist das Zensur. Das käme aber beim Wahlvolk nicht gut an. Deshalb wird das Wort bewusst vermieden.

    Ein seine Bürger immer mehr bevormundender Staat liegt leider in den letzten Jahren im Trend. Mir fiel beim Lesen übrigens das hier ein. Ein Beispiel aus den USA, was zeigt, wie sehr irrationale Angst inzwischen bei vielen das Leben und Handeln bestimmt. Die Debatte um Computerspiele ist auch von solcher Angst vor nicht mal belegbaren Risiken geprägt. Keine Ahnung, warum das so ist. An anderer Stelle, z.B. beim Autofahren oder Rauchen, haben die Menschen kein Problem damit große, sogar ziemlich genau quantifizierbare Risiken einzugehen


  2. Ja, es scheint, als sei die Angst der Bevölkerung weniger Bedrohungs- als Tendabhängig. Zwischen tatsächlichem und sujektiv empfundenen Risiko klaffen weite Lücken (eine schöne Veranschaulichung der Diskrepanz findet sich hier).


  3. Vor dem Computer wurde der Rock’n Roll für alles „Böse“ der Jugend verantwortlich gemacht. Und was alle Verbote nicht verhindern können: den unkontrollierten Medienkonsum der Kleinen, der imho viel schlimmer ist (und viel blöder macht) als die eine oder andere Brutalität.


  4. Angst schüren, Menschen kontrollieren.

    Terror, Gewaltspiele, Steuerflüchtige, Weltmeisterschaftgefährder, …
    Es gibt viele Substantive, um bei einem mündigen Bürger eine gewisse Interesse zu wecken. Insbesondere, wenn man unsoziale Tätigkeiten wie Mord, Totschlag und Vergewaltigung ins Spiel bringt.

    Das ideale Mittel, um solche „unliebsame“ Aktionen zu untersagen, ist eben die Zensur. Schließt man die Augen, ist das Problem von der Welt geschafft. Aus den Augen, aus dem Sinn.

    Leider ist die Realität nicht ganz so naiv und infantil, wie unsere Politiker – immerhin Vertreter des Volkes – gerne haben würden.
    Ein Steuerflüchtiger hat seine Millionen nicht nach XXX oder YYY gebracht, weil gerade ein Schiff dahin fuhr. Ansonsten wäre eine logische Konsequenz nichts geringeres als das sofortige Verbot von Schifffahrt. Auch wird ein Amokläufer nicht mit Waffen auf Menschen schießen, weil er in gewissen Ego-Shooter diese Handlung (Waffe halten, zielen, Windrichtung und Ballistik berechnen, Abzug betätigen, Rückstoß aushalten)in action-orientierten „Gewaltspiele“ gelernt hat. Und ein frauenverachtendes, kinderschändendes Subjekt wandert ebenfalls nicht auf der Welt rum, weil man an Embryonen forscht.

    Um die Bevölkerung bloß nicht zu sehr zu verwirren und mögliche Variablen auf den Tisch zu legen, überlässt man die „Aufklärung“ lieber den Medien. Und wir alle wissen, wie – insbesondere Partei-beziehende – Medien wie Zeitschriften oder Fernsehanstalten mit Informationen umgehen.
    Dank der GEZ und das Recht jeden Haushaltes, sich mit Wissen und Information zu decken, wird hier gerne eine sehr beschränkte Sichtweise an den Mann/die Frau gebracht. Differenzierte Meinungen, ungeschnittene Berichte aus der „Szene“ und/oder gar wissenschaftliche Erfahrungen in diesem Gebiete werden aufgrund der „Komplexität“ sehr gerne durch simple und klare „Argumente“ wie die eines Herrn Becksteins oder Professor Pfeiffers ersetzt.

    Es gibt viele Internet-Seiten, die Gewalttaten wie Amokläufe oder Vergewaltigungen anprangern. Untersuchungen und insbesondere Berichte der betroffenen Menschen zeigen ein klares, ja manchmal sogar *zu* klares, Bild der jeweiligen Aktion. Eine Pauschalisierung der Gewalttat durch simple „Killerspiele“ oder „Gesammtschulabgänger“ ist und bleibt eigentlich pervers und wahrlich unsozial. Genauso wie die Politiker sich wehemend wehren, dass sie ihre Steuererhöhungen, Diäterhöhungen oder die Bekanntgabe ihrer andersseitigen Gehälter nun „nackt“ präsentieren müssen, wird dagegen alles andere, was ihrer „alten Sichtweise“ nicht entspricht, unreflektiert bestraft.

    Natürlich sind nicht alle Politiker „geldgeil“. Natürlich sind die ein-zwei Politiker, die sich unsachgemäß bereicherten, nur die ganz große Ausnahme. Anhand der anderen Politiker sieht man doch, dass ein überwältigender Großteil dieser Berufsgruppe ganz sauber und sozial ihren Dienst nachgehen.
    Es grenzt allerdings schon hart an einer Beleidigunge gegenüber allen Computerspieler, wenn sie diese Sichtweise konträr an den Spieler weitergeben. In ihren Augen sind eben Computerspiele der Grund für die alltägliche Gewalt. Es gibt natürlich den einen oder anderen Einzelfall. Eine Person, die möglicherweise bekennender Counter-Strike Killerspieler ist und gleichzeitig als Arzt in der Dritten Welt hilft. Oder ein Quake Clanspieler, der gar in der Partei seinen Dienst tätigt. Aber sowas ist nur die Ausnahme, denn „bekanntlicherweise“ sind Computerspieler nichts anderes als faule, übergewichtige und akut gefährdente Gewaltliebhaber, die gar jeden Augenblick zu Amokläufer mutieren können. Und das gefährliche ist eben, dass sie das Töten am Computer erlernt haben. Sie *wissen*, wie man eine Waffe hält an den Kopf hält und abdrückt. Und anscheinend haben Politiker die Befürchtung, dass der mündige Spieler sich illusorisch der Punktzahl nachgibt und seine Handlungen tagtäglich mit dem Computerspiel vergleicht. Sich also praktisch mit einer Counter-Strike Kampfmontur in einen Supermarkt begibt und sich dann im Laufschritt und mit einem lauten „Go! Go! Go!“ zur Kasse begibt.

    Es macht einen Spieler insbesondere Traurig, dass hier keinerlei Rückenwind herrscht. Eine Organisation, die sich wehemend gegen solche Forderungen stellt und Amokläufe, bekanntlicherweise eher eine Seltenheit in unserem Lande, aufschlüssig Erklärt und bekannt gibt, welche Variablen bei diesem *Individuum* dazu geführt haben, dass er den Respekt gegenüber dem Leben vollends verlor. Eine Art „Katholische Kirche der Computerspieler“, die sich zu jedem Schei** meldet und Anprangert, sowas benötigen wir. Nur leider sind wir eben viel zu sanfte Menschen. Ein echtes Dilemma, wozu uns diese Killerspiele eben gemacht haben ;)

    Mit freundlichem Gruß
    -=MAX HEADROOM=-
    Der Virus der Gesellschaft



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