
„Wachsende Skepsis gegenüber der Evolutionstheorie“
17. Februar 2009Es kam, wie es kommen mußte.
Auf Ulrich Kutscheras Spiegelartikel „Die kruden Thesen deutscher Anti-Darwinisten„, tauchen die ersten Kommentare von der christlichen Meinungsfront auf. Kutschera hatte die Anto-Evo-Bewegung mit Esoterik gleichgesetzt, was natürlich empörte Reaktionen provozieren musste.
Wie bei den Brights zu lesen ist, hat das christliche Medienmagazin „pro“ die altbekannten Geschütze aufgefahren und ist natürlich „not amused“ von Kutscheras Äußerungen.
Jetzt könnte man durchaus Kritik an seiner Wortwahl üben und vielleicht sogar an seiner Einstellung zum religiösen Diskurs. Aber hey, das wäre ja angemessen und sachbezogen. Es ist doch viel einfacher, die alten Behauptungen auszupacken, mit ein paar Halb- oder Unwahrheiten zu garnieren und einer Portion Bullshit abzuschmecken.
Anlässlich des 200. Geburtstages des britischen Naturforschers Charles Darwin erinnert Kutschera derzeit bei „Spiegel Online“, dass noch immer nicht alle Menschen der Evolutionstheorie anhängen. Noch schlimmer: sogar fast jeder zweite Amerikaner hat Skepsis, ob der Mensch vom Affen abstammt und das Leben aus dem Nichts entstanden ist.
Hier geht es wieder los. Die Aussage, dass „der Mensch von Affen abstammt“ und „das Leben ist aus dem Nichts entstanden“ ist weder Teil der Evolutionstheorie noch einer anderen wissenschaftlich anerkannten Theorie. Sie kann aber sehr wohl als das übliche Strohmännchen gebracht werden.
In der deutschen Bevölkerung äußern immerhin 20 Prozent, Probleme mit der Abstammungslehre zu haben oder lehnen sie ganz ab.
Schlimm genug. Die Frage ist ja, warum sie „die Abstammungslehre“ ablehnen. Weil sie diesen Menschen wissenschaftlich fragwürdig erscheint oder weil sie nicht in das persönliche Glaubensbild passt?
In seinem Beitrag „Die kruden Thesen deutscher Anti-Darwinisten“ auf „Spiegel Online“ wundert sich Kutschera: „Noch immer wehren sich Kreationisten, Öko-Esoteriker, Homöopathen gegen die Evolutionstheorie, auch in Deutschland.“ Dass sachliche Kritik an der 150 Jahre alten Evolutionstheorie für Kutschera gleichzusetzen ist mit „Pseudowissenschaft“, ist nichts Neues.
Jetzt wirds wirklich lustig. Kutschera setzt mitnichten sachliche Kritik an der 150 Jahre alten Evolutionstheorie [vom Darwin] mit Pseudowissenschaft gleich. Denn, und das ist im wissenschaftlichen Diskurs eigentlich gar kein Thema mehr, Darwin lag bei einigen Aussagen daneben – kein Wunder, waren Dinge wie Gene, DNA und viele andere naturwissenschaftliche Kenntnisse zu seiner Zeit noch unbekannt. Genau DAS wird Kutschera niemals in Frage stellen.
Jedoch ist DAS, was wir heute als (synthetische) Evolutionstheorie bezeichnen deutlich weiter entwickelt als das, was in „On the Origin of Species“ zu lesen war. Und diese Entwicklung wird sicher noch vorran schreiten.
Selbst angesehene Wissenschaftlern, die keineswegs im Verdacht stehen, bei Vollmond Kräuter zu sammeln, um zu ihren wissenschaftlichen Erkenntnissen zu kommen, geben mittlerweile zu, dass die Theorie Darwins längst gründlich überholt wird.
s.o. Natürlich sind Darwins Theorien unvollständig. „Gründlich überholt“ trifft es allerdings nicht.
Es gibt einige wenige Wissenschaftler, die neuartige Hypothesen veröffentlcht haben. Einer davon ist Joachim Bauer, der sich insbesondere auch schon mit „den Glaubenswächtern der Evolutionstheorie“ in Kontakt kam. Diese zum Teil sehr unglückliche Diskussion war hier auch schon Thema.
Eine etablierte Alternative zur Evolutionstheorie, die diese Thematik erklärt, ist allerdings noch nicht genannt worden, auch wenn Anti-Evo-Medien dies des öfteren suggerieren wollen.
schreibt das Magazin „Natur + Kosmos“ in seiner Februar-Ausgabe und spricht von einer „Revolution“, die sich auf diesem Gebiet anbahne. „Erkenntnisse der Genomsequenzierung, der Molekularbiologie und anderer Disziplinen weisen darauf hin, dass die Evolution ein weit komplexeres und vielschichtigeres Geschehen ist, als es dem gängigen Bild entspricht.“
Es werden dort die gleichen Thesen gebracht, wie in dem erwähnte Buch Bauers. Was mir nicht so richtig einleuchten will, warum die Feststellung, dass die Genvariation komplizierter ist, als die meisten angenommen haben, im Gegensatz zur modernen (!) Evolutionstheorie steht? Mit dem molekularbiologischen Wissen aus dem Jahr 2009 Darwins Vorstellung von den Erbinformationen anzugreifen ist mindestens unfair.
In diesem Licht ist der folgende Abschnitt wirklich ein Witz.
Die Kollegen, die an der Genomsequenzierung arbeiten, an molekularen Stammbäumen und so weiter, ahnen alle, dass ihre Resultate dazu beitragen müssten, die Evolutionstheorie zu erneuern, dass Darwinismus nicht länger die Lösung ist und wir eine modernere, komplexere Theorie brauchen.
Hier wird wieder der Kampfbegriff Darwinismus in die Hand genommen, mit dem man jeden Kritiker sofort in die ideologische Ecke stellen kann. In einem anderen Beitrag habe ich diese Problematik schonmal aufgegriffen:
Kritik möchte ich jedoch insbesondere an dem Titel des Buches üben, der in Anspielung auf Richard Dawkins “Das egoistische Gen” mit dem Titel einen Begriff ins Spiel bringt, den ich aus zwei Gründen für unzulässig halte: Darwinismus.
- Zum einen suggeriert er ein quasi religiöses, dogmatisches Gedankengebäude, welches an die Person Darwins geknüpft ist.
- Zum anderen wird mit diesem Begriff die Weiterentwicklung der Evolutionstheorie in den letzten 150 Jahren mehr oder weniger ignoriert. Das, was wir heute als synthetische Evolutionstheorie ansehen, ist unter Anderem durch die Entdeckung von Genen und DNA deutlich fortgeschritten.
Der Knaller kommt aber erst jetzt:
Der amerikanische Journalist Ben Stein hat erst jüngst in seinem Film „Expelled – No Intelligence Allowed“ eine ganze Reihe von namhaften Wissenschaftlern zu Wort kommen lassen, die allesamt mit guten Gründen Kritik an der Evolutionstheorie äußern. Ihre Karrieren wurden daraufhin massiv torpediert.
Hut ab. So viel Bullshit in so wenigen Worten.
Es ist schon peinlich, wenn man von „sachlicher Kritik“ und „Wissenschaft“ spricht, im gleichen Atemzug aber Propaganda (dazu noch sehr schlechte) in Form von „Expelled“ als Begründung für die eigenen Thesen präsentiert. Das kann der „pro“-Autor nur noch dadurch toppen, dass er den Film offensichtlich gar nicht gesehen hat. Es geht darin nämlich um Menschen, die Aufgrund ihrer Unterstützung von ID angeblich Probleme bekommen haben. Aufgrund dessen wurde der Film gemacht – nicht umgekehrt. Die Tatsache, dass z.B. eine der Hauptpersonen, die Lehrerin Crocker, ihren Schülern ausgeprägten Bullshit beigebracht hat und das genau DAS die Ursache für die Probleme war, wird dabei gerne übersehen. Aber wen interessieren hier schon Fakten.
Im weiteren Verlauf werden noch weitere von Kutscheras Aussagen kritisiert, worauf ich aber nicht weiter eigehen möchte, weil sie nicht über das übliche ad-hominem-Geplänkel hinausgehen.
Als Fazit würde ich den „pro“-Artikel in der Hauptsache ziemlich seichte Schelte an den (sicherlich harschen) Aussagen von Kutschera einordnen. Inhaltlich ist nicht viel zu lesen und die meisten Punkte der Kritik sind entweder falsch oder zumindest unvollständig dargestellt.
Schön, das wir mal drüber gesprochen haben.
[via Brights]





Das hochgradig ärgerliche dabei ist ja, dass es keinem dieser Kritker darum geht, die Evolutionstheorie aus fachlichen Gründen abzulehnen, sondern sie alle nur von der Panik getrieben werden, ihr Gottesbild sei mal wieder durch die Wissenschaft bedroht. Oder sie kennen den Unterschied zwischen der Evolutionstheorie und Sozialdarwinismus nicht. Das ist schlicht ärmlich.
Der Artikel des Medienmagazins „pro“ beinhaltet alle Elemente einer klassischen Verschwörungstheorie: Die vorherrschende Meinung zum Thema X (hier folgt eine grob vereinfachte und sachlich falsche Zusammenfassung von X) wird durch neue revolutionäre Erkenntnisse der Wissenschaftler A,B und C in Frage gestellt. Trotzdem verteten die Anhänger von X weiterhin stur diese Theorie und bekämpfen jeden Abweichler mit Hilfe der Mächtigen (hier bitte wahlweise USA/EU, Industrie, Militär, Politik, Bilderberger, etc. einsetzen). Aber zum Glück gibt es mutige Visionäre wie D,E und F, die sich nicht davon abhalten lassen, die „Wahrheit“ zu verbreiten. Welche Folgen ein solch unerschrockenes Vorgehen hat, zeigen die Lebensgeschichten von G,H und I, die nur aufgrund einer „falschen Meinung“ ihre Arbeit verloren und nun wegen des Meinungsmonopols „der Medien“ sozial geächtet sind.
Zum Schluss fordert man noch eine faire und objektive Diskussion der aufgeworfenen Fragen – ganz so wie es dem Geist der Demokratie und der Forschung entspricht.