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MON810 – schlingst Du noch oder saugst Du schon…

19. April 2009

Der ein oder andere wird bei dem Titel des Beitrags sicherlich ein großes imaginäres Fragezeichen über seinem Kopf entdecken.

Um ihn bzw. seine Mundwerkzeuge geht es:  (Zumindest könnte man den Eindruck bekommen)

Zweipunkt-Marienkäfer

Zweipunkt-Marienkäfer. Seine Larven wurden im Rahmen einer Studie dem Bt-Toxin ausgesetzt. Der Stein des Anstoßes scheint jetzt die Bewertung der Ergebnisse zu sein.

Nach Lektüre dieses FAZ-Artikels auf den Marcus Anhäuser hingewiesen hat, wird es vielleicht etwas klarer.

Es geht um die Debatte, wie es tatsächlich um die Gefährlichkeit der transgenen Maissorte „MON810″ (wie der Name schon erahnen läßt, ein Produkt aus dem Hause Monsanto), deren Anbau kürzlich mit zumindest fragwürdiger Begründung in Deutschland verboten wurde, bestellt ist.

Maiszünsler (Q: Wikipedia)

Die Larve des Maiszünslers (Ostrinia nubilalis). Das Bt-Toxin verhindert die Schäden, die die Larven an den Maispflanzen anrichten können.

Wie in dem FAZ-Artikel beschrieben scheint sich die Diskussion sogar in Fachkreisen (leider!) sehr stark in ein Hauen und Stechen auf Haarspalterniveau zu bewegen. Jedenfalls stellt sich das für mich so dar, wenn über die Mundwerkzeuge der frühen Larven des Marienkäfers diskutiert wird, wenn es um die Bewertung der möglichen Gefahren des Bt-Toxins geht.

Der Vollständigkeit halber sei auf diverse Diskussionen zu dem Thema hingewiesen:

Die Liste ist sicherlich nicht abschließend. Allerdings gibt sie einen ganz guten Überblick über die laufende Diskussion. Insbesondere die Diskussionen im Kommentarbereich zeigen sehr deutlich, wie sehr die Gentechnik ein Reizthema darstellt.

Bt-Toxin (Q: Wikipedia)

Das Bt-Toxin. Es handelt sich dabei um ein Protein, dass eigentlich im Bakterium Bacillus thuringiensis vorkommt und durch Gentechnische Prozesse in das Genom der Maispflanze (zea mays) eingebracht wird.

Das Hauptproblem in allen Diskussionen ist immer, dass verschiedene Teilprobleme miteinander vermischt werden. Jedes für sich muss man kritisch hinterfragen und Lösungen dafür in Betracht ziehen. Dazu gehören:

  • Was ist Gentechnik und was nicht?
  • Gibt es direkte Gefahren für den Menschen?
  • Gibt es Gefahren für die Umwelt?
  • In wie fern unterscheiden sich festgestellte Probleme mit denen der konventionellen Landwirtschaft?
  • Stellt die jetzige Patentpolitik ein Problem dar?
  • Muß das Verhalten von Konzernen wie Monsanto kritisiert werden?

Das sind jetzt die Punkte, die mir spontan einfallen. Insbesondere die letzten beiden erscheinen in meinen Augen als größtes Problem, dass von politischer Seite angegangen werden muss. Ich bin überzeugt, dass in diesem Bereich die Ursache für die meisten Probleme in Bezug auf Gentechnik liegen. Bei der Bewertung und der Risikoabwägung ist insbesondere der vierte Punkt sehr interessant und fällt zu häufig unter den Tisch.

Wie man an der jetzigen Politik (zuletzt an dem Verhalten von Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner) erkennen kann, ist man sich entweder dieser vielschichtigen Problematik nicht bewußt oder man ignoriert gezielt die Tatsachen, um sich im Vorfeld der Wahlen bei den Wählern entsprechend zu profilieren. Für mich sieht die Sache sehr deutlich nach letzterem aus. (Vergleichbar mit der Politik von Frau von der Leyen)

Selbstverständlich ist es wichtig, mögliche Bedenken zur Kenntnis zu nehmen und im wissenschaftlichen Diskurs zu bewerten. Das Verhalten, was jetzt (soweit man das über die Presse beurteilen kann) auch von Gentechnikunterstützern an den Tag gelegt wird, ist nicht in Ordnung und in meinen Augen auch kontraproduktiv. Es führt höchstens dazu, dass sich die Fronten weiter verhärten.

Wie bei allen Technologien muss immer eine Kosten-/Nutzen- sowie eine Risikoabwägung stattfinden. In meinen Augen und nach den mir bekannten Daten fällt diese in Bezug auf Bt-Mais so aus, dass ich das Verbot nicht unterstütze. Allerdings – und das ist mir wichtig – muss die Forschung in dieser Richtung weitergehen. Die Ergebnisse aus der Schweiz müssen überprüft, reproduziert und ihre Relevanz in der Praxis bewertet werden.

Ist das die bessere Alternative? Agrarflieger beim Ausbringen von Pflanzenschutzmitteln.

Ist das die bessere Alternative? Agrarflieger beim Ausbringen von Pflanzenschutzmitteln.

Ich finde es nämlich scheinheilig, wenn der Organismus Bt-Mais aufgrund seiner relativ selektiven Toxinproduktion als gefährlich dargestellt wird, die konventionelle Landwirtschaft und der Einsatz von nicht selektiven Pflanzenschutzmitteln im gleichen Atemzug aber akzeptiert wird. Da stimmt etwas nicht.

Worauf bereits die Autoren des FAZ-Artikels hinweisen, nämlich dass in weiten Teilen der Bevölkerung ein idealisiertes Bild von „Natur“ vorherrscht, welches sicherlich nicht selten in esoterische Grenzbereiche vordringt, dürfte ein gewichtiger Faktor dafür sein, dass es nur selten ein Interesse an unvoreingenommener Diskussion gibt. Leider kann man hier und da auf der anderen Seite ähnlich Reaktionen erleben, wie ich es in diesem Artikel bei einer anderen Thematik bereits beschrieben habe.

Eine undifferenzierte  Gegnerschaft dürfte ebenso wie eine unkritische Unterstützung der Gentechnik nicht der richtige Weg sein, um unsere Probleme zu lösen. Leider fällt mir auch kein Patentrezept ein, außer wissenschaftliches Denken und kritisches Hinterfragen bereits in der Schule in größerem Maße zu fördern. Mal sehen, vielleicht sind wir in 50 Jahren darüber hinweg…

[Nachtrag: Tobias hat auf Weitergen nochmal ausführlich die Vorteile der grünen Gentechnik aufgezählt. Lesenswert. Die Diskussion wird sicherlich wieder sehr emotional werden.]

[via weitergen, Plazeboalarm, usw.]

Bildquellen: de.Wikipedia.org

Ein Kommentar

  1. Danke, guter Artikel. Ich finde auch, Aufklärung ist der einzige Weg, um ein Umdenken in der Bevölkerung zu erreichen. Generell scheint die journalistische Berichterstattung im aktuellen Fall ja durchaus differenziert zu sein.



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